Projekte 1995 -2024, Köln

Raúl Avellaneda

Mein Leben mit Nebelhorn

Vor beinah dreißig Jahren bin ich mit meinem schwarzen Fahrrad durch Wiesen und Täler gefahren, um meine Freunde im Haus Kilian, einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderung in der Gemeinde Schermbeck, zu besuchen. Trotz Wind und Wetter war es mir eine existenzielle Notwendigkeit, diesen Ort zu erreichen, um in einer kleinen improvisierten Werkstatt – Geburtsort der Gruppe Nebelhorn – Menschen mit und ohne Behinderung bei der Umsetzung ihrer phantastischen künstlerischen Vorstellungen zu begleiten.

Einsamkeit, Wind, Natur, Ausgrenzung und die auf dem Weg gefundenen Stolpersteine waren mir schon ein Leben lang bekannt. Kreativität und Beharrlichkeit dienten mir schon seit frühester Kindheit als Anker und Rettung.

Abgeschiedene Orte bieten außergewöhnlich kreative Impulse, die sich die Freiheit nehmen, aus der tiefsten Notwendigkeit der Seele hervorzusprießen. Impulse, die sich nach mehr Wachstum sehnen, wie Urwaldranken, die das Gewöhnliche überwuchern und uns dadurch verunsichern.

Mir wurde sehr früh bewusst, dass ich in Peru, meinem Heimatland in Südamerika, im Umgang mit Menschen, die anders waren und vor Herausforderungen standen, besonders behutsam sein musste, denn dort gab es keine staatlichen Versorgungsmöglichkeiten. Ich erlebte ihr `Anderssein´ als eine andere Form von `Denken und Fühlen´, das gerade im künstlerischen Bereich unvorstellbare Möglichkeiten bot.

Im Jahr 1997 zog die Gruppe Nebelhorn in eine Einrichtung für nicht-sesshafte Menschen am Rande des Weseler Waldes. Umgeben von Natur und Stille fand die Gruppe in einem ehemaligen Schweinestall, der zu einem Atelier umgebaut wurde, eine dauerhafte Bleibe.

Von Anfang an war die Zusammensetzung der Gruppe inklusiv: geistig und psychisch behinderte, suchterkrankte und wohnungslose Menschen, Senioren, Jugendliche, Kinder und Personen verschiedenster Berufe unserer Gesellschaft, begegnen sich auf selbstverständlicher Weise.

Die Zusammenarbeit, der sich an diesem abgeschiedenen Ort Treffenden, mit dem gemeinsamen Ziel ihren Erlebnissen und Emotionen mit künstlerischen Mitteln Ausdruck zu verleihen, ermöglichte es, außergewöhnliche Werke zu schaffen.

Miteinander zu arbeiten und von den `Anderen´ zu lernen, trägt erheblich dazu bei gesellschaftlichen Barrieren auf unbewusste Weise zu überwinden. Die entstandenen Beziehungen und Freundschaften zwischen Teilnehmenden mit oder ohne Behinderung haben starke Verbindungen geschaffen.

Immer wieder sind aktuelle gesellschaftliche Probleme Auslöser für Projekte der Gruppe Nebelhorn. „Köpfe“, „Spiegelbilder“, „Macht-Missbrauch“, „Flucht“, „Veränderungen“, „Sehnsucht“, „Grenzüberschreitungen“ oder die kreative Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie sind einige Themen, die in den Projekten innerhalb der Werkstatt oder in Zusammenarbeit mit Großstadt-Ateliers in Mülheim an der Ruhr, Moers, Duisburg, Wesel und Berlin umgesetzt wurden.

In dieser Ausstellung zeigt Nebelhorn, durch ausgewählte Filmdokumentationen, Einblicke in mehrere Projekte, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Außerdem stellt die Gruppe repräsentativ zahlreiche Werke aus individuellen Auseinandersetzungen mit persönlichen Problemen aus mehreren Schaffensperioden vor.

Die Gruppe entwickelte, durch ihre besondere Zusammensetzung, eigene künstlerische Ausdrucksformen in Gemeinschaftswerken: Akustische Plastiken, Bilder, Skulpturen, Rauminstallationen, Performances und Dokumentationen.

Die Offenen Ateliers, die Nebelhorn im Laufe seines Bestehens entwickelt hat, haben besondere Wege der Begegnung zwischen den Teilnehmenden geschaffen. Innerhalb dieser Präsentation in Köln bietet die Gruppe erneut sechs Offene Ateliers an, die sich in Form eines work in process entwickeln sollen. Hier werden alle Formen künstlerischen Ausdrucks möglich sein.

Die Kraft der Metaphern, die von der Gruppe Nebelhorn sichtbar gemacht werden, beeindruckt mich immer wieder sehr und zeigt mir, wie wichtig es ist, Wege der Verständigung zwischen unterschiedlichen Menschen zu finden. Damit eröffnet Nebelhorn ungeahnte Möglichkeiten neue künstlerische Ausdrucksformen zu schaffen.

Als ich vor 35 Jahren Europa betrat, konnte ich nicht erahnen, dass ich von einer solchen kreativen Freiheit berührt werden würde, die seitdem die Richtung meines Lebens entscheidend prägt.

Ich bedanke mich, liebe Gruppe Nebelhorn, für euer bedingungsloses Vertrauen und eure Solidarität.

Die im Atelier im Weseler Wald entstehende schöpferische Kraft sendet aus dem verwirrenden Nebel unseres gesellschaftlichen Lebens immer wieder leuchtende Signale der Verständigung.

Wesel, Juni 2024

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